Der Würfel tauchte ganz plötzlich auf. Sank vom Himmel herab und blieb etwa einen Meter über dem Boden in der Luft stehen. Dabei gab es ein gewaltiges Getöse, das die umstehenden Gebäude und vielleicht die ganze Stadt erbeben ließ. Danach jedoch kehrte absolute Stille ein. Alle Geräusche erstarben. Die Stimmen der Menschen, der Autolärm, sogar das Heulen des Windes.
Mein Bruder und ich waren förmlich zu Stein erstarrt, hielten uns die Ohren zu und konnten den Blick nicht von diesem surrealen Schauspiel abwenden. Seltsamerweise ergriffen wir nicht die Flucht, duckten uns nicht einmal, obwohl Putz von den erzitternden Häusern auf die Straße rieselte. Wir standen einfach nur da und konnten nicht begreifen, was passierte.
Zuvor waren wir in einer Bar gewesen, von der es hier in der Straße mehrere gab. Wir hatten uns monatelang nicht gesehen, die Beerdigung unseres Vaters hatte uns wieder in unsere Heimatstadt geführt. Kein schöner Anlass, das sicher nicht. Umso mehr ein Grund, nach dem Nachmittag auf dem alten Friedhof und anschließend bei unserer Mutter, der wir vergeblich Trost zu spenden versuchten, noch etwas trinken zu gehen.
Zuerst hatten wir mit einem Bier den Frust heruntergespült, danach mit einem Schnaps unser Wiedersehen gefeiert. Ein oder zwei Bier folgten danach noch, aber auf keinen Fall so viel, dass wir uns einen vom Himmel fallenden Würfel mit leuchtendem Inneren einbilden konnten.
Wir hatten viel geredet. Über die Familie, den Beruf, was uns gerade im Leben bedrückte oder beflügelte. All das, was man sich eben erzählt nach all der Zeit. Und natürlich über unseren Vater. Über Dinge, die wir als Kinder mit ihm erlebt hatten. Über sein Älterwerden, durch das er von dem unerschütterlichen Fels in der Brandung, der er für uns gewesen war, zu einem alten Mann wurde, der selbst immer mehr auf Hilfe angewiesen war.
Das Reden tat gut, füllte die Leere, die die Trauer gerissen hatte, mit schönen Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie er mit uns im Garten Fangen gespielt hatte, an unser Baumhaus, das noch heute dort in der Krone der alten Linde seinen Platz hatte. Oder an Ferien in Schweden, wo wir alle tagelang durch verschneite Berge gewandert waren und in kargen Blockhütten übernachtet hatten.
Wir beide musste laut lachen, als wir uns an unsere erste Begegnung mit einem Elch erinnerten. Das Tier hatte seinen riesigen Kopf morgens durch unser geöffnetes Schlafzimmerfenster gesteckt und ich war in panischer Angst aus meinem Bett und zu meinem Bruder unter die Decke gesprungen.
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Auch das gemeinsame Lachen tat gut, erinnerte mich auch daran, dass unser Vater ein erfülltes und glückliches Leben gehabt hatte. Der Tod gehörte nun einmal unweigerlich dazu. Das hatten wir zu akzeptieren und schöne Erinnerungen machen es in jedem Fall leichter. Das ging uns beiden an diesem Abend so, obwohl da auch etwas Schweres auf unseren Herzen lastete.
Als wir die Bar schließlich verließen, weil die junge Dame hinter der Theke schon mehrfach augenrollend auf ihre Armbanduhr gesehen hatte, waren wir nicht mehr nüchtern, aber auch nicht so betrunken, dass unsere Fantasie uns einen Streich gespielt hätte. Der Würfel war keine Einbildung, die Erschütterung ebenso wenig. Es war real.
Real und dennoch unerklärlich. Ein Würfel, von vielleicht einem Meter Kantenlänge, der auch etwa einen Meter über der Straße schwebte. Sein Äußeres sah aus wie Glas oder vielmehr wie Wasser, darin ein Licht oder vielmehr viele Lichter wie winzige Sterne, die pulsierten und umeinander zu tanzen schienen.
Für mich sah es aus wie ein eigenes Universum innerhalb dieses Würfels, keinesfalls bedrohlich, sondern auf magische Weise wunderschön. Mein Bruder muss es ähnlich empfunden haben, denn er trat einen Schritt auf die Straße, um den Würfel besser betrachten zu können.
„Sei vorsichtig!“, rief ich ihm zu, denn schließlich konnten wir beide nicht sagen, was das war und was als Nächstes passieren würde. Daher blieb ich dicht hinter meinem Bruder, blickte aber ebenso fasziniert wie er auf das fremdartige Objekt. Es war geradezu surreal, überstieg jede Vorstellungskraft und wenn wir es nicht beide hätten sehen können, hätte ich an meinem Verstand gezweifelt.
„Es ist eine Art Tesserakt“, meinte mein Bruder schließlich. Er war Mathematiker an der Uni, konnte geometrische Objekte daher vielleicht eher deuten. Mir hingegen sagte der Begriff nur vage etwas, ich wusste nur noch, dass es etwas mit Mehrdimensionalität zu tun hatte. Auf der anderen Seite war mein Bruder eben auch Rationalist und konnte somit auch einschätzen, ob das, was er da vor sich sah, überhaupt real sein konnte.
Auf jeden Fall ging er noch einen Schritt näher heran, beugte sich vor, um das leuchtende Innere genauer betrachten zu können. Aus einem Reflex heraus hielt ich ihn hinten an der Jacke fest, wollte nicht, dass er dem Ding noch näher kam.
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Meine Neugierde konnte ich allerdings auch nicht ganz unterdrücken und meine Augen nicht von dem Objekt abwenden.
Wie in Trance sah ich wenige Augenblicke, wie mein Bruder die Hand ausstreckte, um die Oberfläche zu berühren. Sie gab nach wie Wasser, seine Fingerspitzen tauchten hinein und waren im Inneren nicht mehr zu sehen. Viel zu fasziniert war ich, um sofort reagieren zu können, wofür ich mir immer noch Vorwürfe mache.
Jedenfalls tauchte mein Bruder seine Hand weiter hinein, dann gab es einen Ruck, seine Hand wurde offenbar von etwas gepackt und er wurde mit ungeheurer Kraft in den Würfel hineingezogen. Das alles passierte in Bruchteilen von Sekunden, ich wollte ihm noch helfen, bekam seine Jacke zu fassen, doch die Kraft, die an ihm zog, war so stark, dass ich keinerlei Chance mehr hatte, ihn festzuhalten.
Ohne das leiseste Geräusch, auch er hatte nicht einmal Zeit gehabt, entsetzt zu schreien, war er im Inneren verschwunden und ich stand allein dort auf der Straße. Hilflos sah ich mich nach allen Seiten um. Die meisten Menschen waren durch die Erschütterung geflohen, andere hatten sich in den Häusern verkrochen und warfen nur von Zeit zu Zeit einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster.
So schnell, wie mein Bruder in den Würfel gezogen worden war, hatte ich wenig Hoffnung, dass es jemand beobachtet hatte. Noch weniger, dass mir jemand helfen oder dieses Phänomen wenigstens erklären konnte. Mit einem Mal fühlte ich mich unendlich allein und die Schuld legte sich schwer auf meine Schultern.
Wie sollte ich meiner Mutter erklären, dass nach ihrem Mann nun auch einer ihrer Söhne fort war? Und wie war es überhaupt möglich, dass ein Mensch in einem vom Himmel fallenden leuchtenden Würfel verschwinden konnte? Zu der Last auf meinen Schultern legte sich nun auch die Unmöglichkeit, das Geschehene verstehen zu können wie ein metallenes Band um meinen Kopf, das sich immer enger zog.
All das war völlig absurd, konnte nicht sein, war mit dem Verstand nicht zu begreifen. Was auch immer in den letzten Sekunden passiert war, widersprach allem, was ich über die Welt wusste. Dadurch hatte ich das Gefühl, in ein tiefes, bodenloses Loch zu fallen und wünschte mir nur noch, aus diesem Albtraum aufzuwachen.
Doch ich wachte nicht auf. Die Straße war real, die kühle Nachtluft war real und auch dieser Würfel war auf unerklärliche Weise real.
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Mein Bruder war in ihn hineingezogen worden und ich hatte keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Vielleicht hätte ich selbst meine Hand ins Innere stecken sollen, dachte ich einen kurzen Augenblick, aber mir war aus irgendeinem Grund klar, dass es für mich dann auch kein Zurück mehr gab.
Wie lange ich dort noch hilflos auf der Straße stand, weiß ich heute nicht mehr. Irgendwann trafen Polizei und Feuerwehr ein, die örtliche Presse und wenig später auch ein überregionales Fernsehteam. Sie alle wussten nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten, betrachteten den Würfel von allen Seiten, bemühten sich, ihre Unschlüssigkeit nicht zu deutlich nach außen zu tragen.
Nach und nach traten auch wieder Menschen an die Fenster oder gar auf die Straße, um mitzubekommen, was jetzt passierte. Lange allerdings passierte nichts. Polizisten telefonierten, Feuerwehrleute bauten ihr Equipment auf, die Medien berichteten über die fatale Untätigkeit der Behörden.
Irgendwann ging ein Polizist voran oder wurde von den anderen geschickt, und mit gezogener Waffe auf das Objekt zu. In seinen Augen sah ich, dass auch er der Faszination des leuchtenden Inneren erlag, der Arm, mit dem er die Pistole hielt, sank Stück für Stück tiefer, seine Körperhaltung entspannte sich, bald streckte er die Hand nach dem Würfel aus.
Zuerst wollte ich ihm zurufen, er dürfe das Ding nicht berühren, blieb aber stumm und beobachtete atemlos wie alle anderen, wie er genau wie zuvor mein Bruder mit den Fingerspitzen die Oberfläche berührte, auf der sich konzentrische Kreise bildeten. Zuerst zog er seine Hand zurück, dann jedoch bekam er einen starren Blick, streckte erneut den Arm aus und tauchte seine Hand hinein.
Ebenso wie mein Bruder wurde er mit einem Ruck ins Innere gerissen, war von einem Moment auf den anderen verschwunden. Nur gab es diesmal zahlreiche Zeugen und die Kameras hatten alles aufgenommen. Damit war mir klar, dass mich meine Sinne nicht getäuscht hatten, dass ich nicht verrückt geworden war.
So unbegreiflich und auch schrecklich die Situation war, beruhigte mich diese Erkenntnis auf sonderbare Weise. Immerhin konnte ich meinen Sinnen noch trauen, auch meinem Verstand. Was hier vorging, spielte sich nicht nur in meinem Kopf ab, sondern stellte tatsächlich alles auf den Kopf, was wir über die Welt zu wissen glaubten.
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wir über die Welt zu wissen glaubten.
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